Reisebericht Hatem, Sulawesi, März/ April 2012

Bismillah, im Namen Allahs

Dies ist nicht mehr als meine subjektive Schilderung des Reiseverlaufs. Ich bemühe mich, Fakten, Eindrücke und Abschnitte der Projektarbeit den Lesern zur Einfühlung nahe zu bringen, ohne dabei zu emotional zu werden. Hoffentlich entsteht ein gutes Bild, wenn man in „die Schuhe der Kinder schlüpft“, diese Zeilen liest und sich die Fotos ansieht.
Der Reisebericht kann nicht die anderen Dokumente zu den Hintergründen und zum Leben der Waisenkinder ersetzen, soll aber einen Eindruck meines Besuchs und der momentanen Lage vor Ort vermitteln.

Makassar – Ein unerwarteter Besuch im Krankenhaus

Nach 30-stündiger Reise war ich in Makassar im Hotel angekommen und fürsorglichst vom Wüstenkind-Projektmanager Nasruddin abgeholt worden

Den nächsten Tag hatte ich mir noch freigehalten, um in der 33 Grad heißen Großstadt anzukommen – glücklicherweise ohne Regen. Am Abend aßen wir in einer kleinen Bude, als Nasruddin die SMS erreichte, dass die 2-jährige Amina aus dem Bustanul-Waisenhaus einen Unfall hatte und tatsächlich gleich gegenüber im Krankenhaus lag. Wer meine erste Reise mit verfolgte, wird sich an Ida erinnern, die zu meinem Besuch gerade am Kopf operiert wurde, und sich vielleicht an den bewegenden Besuch im Krankenhaus erinnern. Und nun dieses 2. Wunder, direkt am Abend vor der Weiterreise gegenüber dem Krankenhaus zu sitzen und Amina natürlich sofort zu besuchen.

Sie fiel wohl beim Herumklettern und hatte sich das Bein gebrochen. Den mitgebrachten Kakao durfte sie nicht trinken, also machten wir uns auf, ihr ein Spielzeug zu besorgen sowie einen schwebenden Hello-Kitty-Ballon. Nach der Übergabe hatte sie dann keine Angst mehr vor mir. Sie sollte noch bleiben, bis das Bein verheilt ist, ihr Zustand war aber unkritisch. Sie wurde rührend von zwei Mädchen aus dem Waisenhaus begleitet, die dort schon mehrere Tage mit ihr ausharrten. Wieder fiel mir das unglaublich soziale Verhalten der Kinder untereinander auf. Die bemerkenswerten Waisen-Krankenschwestern erhielten von uns eine dicke Provianttüte mit Köstlichkeiten. Amina wurde als Baby wie mehrere Kinder vor dem Waisenhaus gefunden. So traurig dies ist, so sehr freue ich mich, dass sie nun dutzende „Geschwister“ hat und über den Segen, dass wir als Freunde der Wüstenkinder vor Ort etwas helfen können. Für mich persönlich eine Gnade, für die ich tief dankbar bin. Ein besonderes Ende des erfüllenden Tages.

Enrekang – Ankunft beim Ridha-Waisenhaus

Wir hatten uns entschieden, öffentlich nach Enrekang (230km/5-6h) zu fahren, um die täglichen 40 Euro für einen Leihwagen zu sparen, und uns stattdessen vor Ort bei Bedarf ein Auto zu besorgen. Immer wieder überraschte mich Nasruddin, den ich als Hauptperson vor Ort die ganze Zeit über beobachten durfte, mit seinem Geschick in Organisation, im Umgang mit Menschen neben seiner zuvorkommenden Art und vor allem in seiner sehr großen Kinderliebe, was wohl die beste Voraussetzung für seine Aufgabe ist. Dies bestätigt mich sehr in der Zusammenarbeit.
Nach der schönen, aber längeren und warmen Fahrt nach Enrekang checkte ich direkt neben dem Waisenhaus und der Moschee ein. Kurz danach waren wir auch schon im Waisenhaus, und es war ein freudiges Wiedersehen. Wie schon bei meinem letzten Besuch traf ich wunderbare Kinder mit ausgeprägtem Sozialsinn und der typisch indonesischen Schüchternheit an. Auch ein paar Dutzend bisher noch fehlende Matratzen und Bezüge kamen mit uns an, und so wurde die Begegnung gleich zu einem freudig chaotischen Fest.

Ich könnte mich hier in vielen Details auslassen, fasse aber zusammen, dass alles einen sehr guten Eindruck machte. Die Leitung des Waisenhauses, die Kinder selbst, der Englischlehrer, der nach der Schule auch zum Ballspielen vorbeikommt, der Abgesandte des örtlichen Sozialamtes und nicht zuletzt unsere Rolle und die vom Verein geleisteten Hilfen. Dazu kam die Freude daran, fortlaufend Projektpotenzial und Ideen zur weiteren Verbesserung sammeln zu können, wie bspw. das Selbstbewusstsein der Kinder trainiert werden könnte, nachdem der Lehrer mir in Gesprächen von diesem Defizit – trotz guter Schulleistungen – berichtet hatte. Matratzen bedeuten viel, können die Familiengeschichte aber nicht kompensieren, und so freut es mich, dass es viele neue Ansätze gibt. Ich habe Umbauten wie unsere Raumvergrößerung, die Bücherecke, das Dach und Büro begutachtet. Alles sehr gut.

Über die Grundsanierung der Bäder müssen wir aufgrund des Aufwands noch nachdenken. Erste herzliche Grüße aus Deutschland habe ich übermittelt.

In Sachen Fortbildung & Training hat sich sehr viel getan. In Ridha wird Sojamilch produziert und zu Eis, Saft und Gebäck für den eigenen Konsum und Verkauf verarbeitet. Ich bekam diese Milch mit Palmzucker und Ingwer. Köstlich, zumindest wenn man Ingwer mag. Das unglaublich disziplinierte und geordnete gemeinsame Abendessen, das sechs der Kinder selbst zubereitet hatten, war ein weiteres Highlight.

Besuche in den Waisenhäusern Baraka und Enrekang

Nasruddin hatte mit den Kindern bereits um 5 Uhr morgens Sport getrieben, was er einmal im Monat macht.

Und es waren alle da außer denen, die Frühstücksdienst hatten. Wir fuhren später etwa eine Stunde mit dem Mietwagen durch die schöne Umgebung nach Baraka zu den jüngeren Waisenkindern. Ein freudiges Wiedersehen und ein Kennenlernen der Neuen. Es folgte die Verteilung der weit geschleppten Süßigkeiten aus Deutschland, die Übergabe deutscher Schokolade an die Leitung und die unterstützende Nachbarin und das Vorzeigen unserer Flyer, die, obwohl in Deutsch, intensiv studiert wurden. Auch die symbolischen Geschenke meiner Tochter fanden glückliche Abnehmer.

Wir beteten und aßen gemeinsam. Neben allerlei Bittgebeten und Rezitation wurden die Lesekünste anhand einiger vom Verein gestifteter Bücher lautstark demonstriert. So liebenswert und dankbar die Kleinen. Sicher auch mangels Alternativen werden alle Angebote, ob Bildung, Sport oder Unterhaltung, und alle praktischen Dinge so gerne genutzt und aktiv angenommen. Auch das kürzlich besorgte Saatgut und die Töpfe, mit denen jedes Kind seine eigene Pflanze betreut, waren schon wild bewuchert, und jedes Kind zeigte mir seine „Produktion“.

Auch hier fand wieder die Prüfung und Durchsprache aller vergangenen und zukünftigen Leistungen mit dem Projektmanager statt. Es steht in 2012 inschallah (so Allah will) noch einiges bevor. Wir blieben einige Stunden und verabschiedeten uns liebevoll.

Auf dem Rückweg ein kurzer Sightseeing-Stop an einem Wasserfall; anschließend trafen wir in der Moschee von Enrekang die Leitung und Kinder des nebenan gelegenen Ridha-Waisenhauses. Dort gingen wir anschließend wieder hin, um auch hier die große Verteilung von Mitbringseln vorzunehmen, wodurch meine über 40kg Gepäck langsam übersichtlicher wurden. Am Abend hatten wir noch besprochen, dass wir für fünf Mädchen nach der Senior High School in Enrekang das Anschlussstudium für inschallah 3-4 Jahre übernehmen wollen. Wir nähern uns immer weiter unserem Bildungsziel an und müssen uns verkneifen, es den Kindern gleich zu erzählen, bevor die Planung abgeschlossen ist. Das wird das Leben der Kinder verändern, die auch während des Studiums im Waisenhaus wohnen dürfen und die Verantwortung für unsere ersten kleinen Pilotprojekte in Sachen Einkommensselbstständigkeit übernehmen: die Milchprodukte aus schwarzer Soja, die im hauseigenen Kiosk neben anderen Dingen verkauft werden sollen. Die abstrahlende Wirkung, dass man es schaffen kann, wird auf die anderen Kinder hoffentlich groß sein. Die angehenden Studentinnen, die im Moment noch nichts von der großen Neuigkeit wissen, stünden sonst einer ungewissen Zukunft gegenüber.

Die Zusammenarbeit mit der Schule, der Waisenhausleitung, dem Sozialdienst und anderen funktioniert sehr gut. Trotzdem wahren wir die Unabhängigkeit darin, was und wie wir es tun. Wir freuen uns über die Kooperation, die aber unserer Vision und Hilfspolitik entsprechen muss.

Die Grüße aus Deutschland habe ich bestellt wie aufgetragen und bisher allen besuchten Kindern mitgegeben, was ich auch bei den weiteren Besuchen tun werde. Zusammengefasst möchte ich den Kindern die Anteilnahme, das Mitgefühl, die Freundschaft, Gebete und Liebe von ihrer „großen Familie“ aus Deutschland vermitteln – die emotionale Seite fernab der Projektleistungen. Sie sollen wissen, dass sie Freunde haben, die sich sehr für sie interessieren, an sie denken, nach ihnen fragen und sich ihre Bilder ansehen. Ein Versuch, den fehlenden sozialen Rückhalt ein kleines Stück aufzufangen. Viele der Kinder haben eine bewegte Geschichte hinter sich. Ich versuche, sie auch zu bestärken und ihnen zu vermitteln, dass sie noch Großes erreichen können. Die vielleicht innigste Bitte, die vielen Unterstützern wichtig ist, spare ich bewusst nicht auf, wenn ich ihnen sage, dass wir uns wünschen, dass sie sich an uns erinnern, so wie wir es tun, und uns vielleicht sogar in ihr Gebet einschließen. Jedes der Kinder scheint, wenn man es beobachtet, so ein liebes und besonderes Wesen zu sein, was vielleicht bei dem einen oder anderen Foto sichtbar wird. Und natürlich versuche ich, soweit möglich, den Kindern von uns allen über die Wange oder das Haupt zu streichen. Wer sich hier nicht vertreten fühlt, wird sicher herzlich empfangen, wenn er oder sie seine eigenen Grüße vor Ort übermittelt.

Enrekang – Besuch der örtlichen Behörden

Der nächste Tag lief ruhig an, und wir trafen am Vormittag den Leiter des Sozialdienstes sowie die Leitung des „Food Service“, in etwa Ernährungs- und Agrikulturamt. Besuch aus dem Ausland sorgt immer für große Freude, diente diesmal aufgrund der kurzen Zeit jedoch hauptsächlich der Beziehungspflege. Am Anfang wurden wir noch als irgendwelche schrägen oder überidealistischen Ausländer gesehen, inzwischen aber kennt uns wohl jeder, und ich denke, der nachhaltige Ansatz hat überzeugt. Natürlich gibt es hier mehr infrastrukturelle Probleme als wir lösen können, und so betonten wir immer wieder unseren Fokus und unsere Arbeitsweise. Der überspitzte Satz eines Freundes und Unterstützers von Wüstenkind blieb mir in Erinnerung: „Hatem, wenn wir hundert oder vielleicht nur ein Kind zu einem „high potential“ fördern, kann man damit ganz Asien retten.“
Meine kommunizierte Erwartung an die Behörden war Kooperation, Rat und Tat. D.h. wir haben keine Kernkompetenz in der Sojamilch-Produktion, können aber eine Maschine anschaffen. Und die lokale Behörde kann wiederum kostenfrei die Trainer stellen. Oder wenn wir jetzt die Stipendien für einige Kinder übernehmen, möchten wir dies möglichst zu vergünstigten Konditionen tun, um mehr Kinder fördern zu können. Dafür sollte sich bitte das Sozialamt mit der Bildungseinrichtung austauschen, damit wir dort nicht einfach „kalt“ vorsprechen müssen, sondern bereits erwartet werden. Auch ist es wichtig, formal respektierte Waisenhäuser zu unterstützen, da, wie überall auf der Welt, auch hier manche Einrichtungen inkompetent oder fragwürdig geführt werden. Vielleicht betone ich es zu oft, aber wir sind nicht politisch engagiert und dienen auch keinem Marketing der Behörden. Ich habe bisher keinen Grund zu zweifeln, dass es um ein gemeinsames Interesse an den Kindern geht. Es wird auch deutlich, dass sich Nachreisende vorab über diese „Spielregeln“ informieren müssen, damit sich unser Verein vor Ort stets stimmig präsentiert.

Die indonesischen Eigenarten, die mir letztes Mal trotz vieler Reisen sehr fremd waren, sind mir jetzt etwas vertrauter. Es sind sehr eigene und feine Signale. Ein „Nein“, eine klar artikulierte Meinung oder einen direkten Vorschlag wird man hier wohl nie erhalten; daher ist es umso wichtiger, zu erkennen oder zumindest zu fühlen, was sein Gesprächspartner meint. Insgesamt sind die Menschen aber sehr angenehm.

Mit Nasruddin hingegen konnte ich viele weitere Projektdurchsprachen halten. Als wir mit Sarbia, unserer Sozialarbeiterin, und ihrer Familie zum Dank essen gehen wollten, entschuldigte er sich höflich. In seiner Familie gab es einen Motoradunfall, was hier leider an der Tagesordnung ist, und was ich aufgrund meiner Erfahrung auf der letzten Reise sehr gut nachempfinden kann. Ich wünschte natürlich alles Gute. JEDER Moment kann der letzte sein, und ich nahm mir wiedermal vor, das Jetzt in den Vordergrund zu rücken, unwichtige Dinge zu vermeiden und die wichtigen Dinge nicht aufzuschieben.

Nach einem kurzen Aufenthalt im Internet-Café besorgte ich reichlich Chips für die Kinder im Ridha-Waisenhaus und besuchte diese, diesmal ohne Übersetzer. Wir sahen uns Bilder und Aufnahmen der Kinder an. Es crunchte dabei ordentlich.

Später kam der Englischlehrer, und nach vielen Anläufen spielten wir zwei Stunden lang Frage und Antwort zu Deutschland, nachdem die Schüchternheit teilweise mit größtem Mut durchbrochen worden war. Am Abend, nachdem Nasruddin zurück war, trafen wir uns mit einer der lokalen Sozialorganisationen, die sich auch im Waisenhaus engagiert. Rührend war ihre Freude und Dank für den Besuch und die Unterstützung aus Deutschland.
Dem bei dem Unfall verletzten 14-jährigen Mädchen ging es einigermaßen gut, Gott sei Dank, sie war aber erst mal ins Krankenhaus gebracht worden.

Kaluppini – Besuch der Dorfprojekte

Am nächsten Tag besuchten wir zuerst das verletzte Mädchen, das schon einen relativ guten Eindruck machte. Wenn man den Unfallort sieht, mag man das kaum glauben. Anschließend besichtigten wir ein Gebäude, das zu einem weiteren Waisenhaus umgebaut werden könnte. Dies würde ein größeres Projekt, das mehrere Parteien involviert, welches wir aber erst in den nächsten 12 Monaten näher betrachten wollen. Die Dinge dauern sowieso sehr lange in Indonesien.
Dann ging es zu unserem Dorfprojekt nach Kaluppini. Die sehr schöne Natur und der Einblick in ein abgelegenes indonesisches Dorf, in dem es kaum eine Sat-Schüssel gibt, waren eine besondere Erfahrung. Wir besichtigten den Kindergarten, ein Projekt vor der Zeit von Wüstenkind, aber mit denselben Projektmitarbeitern, mit denen ich auch mit Wüstenkind begann. Die Schwester von Nasruddin kochte für uns und ca. 30 Kinder liebevoll und gut. Wie vielerorts waren die Menschen und erst recht die Kinder auch hier einfach liebenswert. In Kaluppini traf ich auch die ca. 80 Kinder aus sehr ärmlichen Verhältnissen, die wir bereits mit Essen und Schulmaterial unterstützt hatten.

Jetzt möchten wir neun Kindern, die das Schulgeld nicht aufbringen können, die Berufsschule ermöglichen.

Die Familien dieses Dorfes sind uns bereits bekannt, und wir können mit Sicherheit sagen, wer welche Hilfe wirklich braucht. Ich besuchte auch zwei der Wohnhäuser, die wirklich kaum mehr als ein Hühnerschlag sind. Das Haus der alten Dame, der wir einst einen übrigen Sack Reis gaben, ist wirklich nur das Wort Haus wert, weil es ein Dach hat, und das gilt auch für den „Inhalt“ des Hauses, denn Einrichtung wäre das falsche Wort. Dank der vielen Einblicke ist es mir langsam möglich, die verschiedenen Grade von normal bis sehr arm zu unterscheiden, denn nach deutscher Vorstellung würde einiges vorschnell zum Abrissfall erklärt.

Zur Anerkennung und Absprache waren wir mit der Wüstenkind-Pädagogin Sarbia und ihrer Familie zum Kaffee. Toll, was sie leistet. Wir werden, so Allah will, bald mehr solche Personen brauchen für die Waisenhäuser in Makassar.

Dann folgte noch der traurige, aber rührende Abschied von den Kindern im Ridha-Waisenhaus. Ich wiederholte die wichtigsten Worte und hoffe, sie wiederzusehen. Der Abschied fiel wohl nicht nur mir schwer, ging aber so schnell, dass ich ihre Tränen nicht lange sehen musste. Es besteht die Gefahr zu romantisieren, aber die Menschen hier auf dem Land haben eine so feine und natürliche Veranlagung bewahrt, die mich tief beeindruckt. Vermutlich waren viele noch nie im Leben in einem Einkaufszentrum, sehen seltenst TV, sind moralisch behütet und wirken so viel jünger als ihr Alter. Natürlich bin ich emotional befangen, aber ich versuche, genau ihren Umgang und ihre Gesten zu beobachten und finde dies alles bemerkenswert. Vermutlich sind sie sich dessen in keinster Weise bewusst, aber ich versuche ihnen immer wieder zu vermitteln, dass sie besonders wichtig sind, was sie rührt und vielleicht auch zu den Abschiedstränen führte.

Besuch unserer Waisenhäuser in Makassar

Die Besuche der Waisenhäuser Timor-Timur und Bustanul begannen nach ein paar Tagen privater Erkundung Sulawesis und nach einer langen Busfahrt zurück nach Makassar. Nach etwas Organisatorischem fuhr ich mit Nasruddin zum relativ neuen Waisenhaus Timor-Timur. Auch dort waren die Kinder herzzerreißend. Sie hießen uns mit einem Lied willkommen, das für Gänsehaut sorgte. Ich forderte es zum Abschied ganz eigennützig wieder ein.

Die Details zum Waisenhaus führen hier zu weit, aber es war eine gute Wahl, es ins Programm aufzunehmen. Kinder wie Leitung machen einen sehr guten Eindruck. Auch hier konnten wir die Fortschritte sehen und Neues planen. Ähnliches galt für Bustanul, unseren 2. Stopp.

Jedes Waisenhaus ist anders, genauso wie jedes Kind. Manche Gesichter stechen heraus, bleiben tief im Gedächtnis, und manche Kinder suchen unsere Nähe. Es erfordert Disziplin, die Kinder gleich zu behandeln und keines zu stark hervorzuheben. Durchgängig fiel das unglaublich ausgeprägte Teilen und Mitfreuen der Kinder füreinander auf. Wir sprachen mit den Leitungen der Häuser, fotografierten, planten und errechneten die nächsten Investitionen. Direkt wirksam waren aber wieder die Süßigkeiten aus Deutschland.

Das war es für diesen Tag, und ich war sehr zufrieden. Morgen sollte es zum letzten Waisenhaus namens Rezky gehen, dessen Aufnahme wir derzeit noch prüfen. Und ich finde, wir sollten einen Film über die Waisenhäuser drehen. Nicht nur zum symbolischen Verkauf der DVDs, sondern für die Kinder selbst. Es gibt viele Szenen, die berühren, und für die Kinder wäre das vielleicht der Stolz ihres Lebens. Freiwillige werden ab sofort gesucht. Das erfordert etwas eine Woche hier vor Ort und die entsprechende Nachbereitung.

Rezky – Ein neues Waisenhaus für Wüstenkinder?

Wir besuchten ein neues Waisenhaus mit 42 eher jüngeren Kindern, das wir gerne in unsere Projekte aufnehmen möchten. Es heißt Rezky Illahi. Es war schön, weitere Kinder zu treffen, aber sie wirkten im Vergleich zu den anderen doch recht unglücklich. Bei den Kindern in unseren bisherigen Waisenhäusern war zwischendrin immer wieder Freude und Leichtigkeit zu sehen, hier fühlt man so etwas kaum. Die Bedingungen sind hier am schlechtesten, und man weiß einen Moment lang nicht, wo man anfangen soll; dies kann nur klein und Schritt für Schritt erfolgen. Die wenigen Reinigungsmittel, die wir vorab besorgt hatten, verwendeten sie immerhin schon; eine Art kleinen Aufnahmetest hatte die Leitung damit zumindest schon bestanden. Heute gab es außerdem Kekse, Bilder aus Deutschland und die üblichen Grüße, Wünsche und Solidaritätsbekundungen der Wüstenkindfreunde.

Da es dort allerdings wirklich nahezu an allem mangelt, haben wir zunächst 5-10 Punkte identifiziert und versuchen, die wichtigsten beiden anzugehen, zu budgetieren und zu sehen, wie die Umsetzung läuft. Theoretisch lässt sich jede „Bruchbude“ verwandeln, und das können wir, so Allah will, auch hier schaffen. Kinder die vor kurzem noch auf dem nackten Fliesenboden schliefen (was nicht unüblich war, bevor wir unsere Bettenkampagnen starteten) spüren das schon, wenn sie eine Matratze haben. Diese und idealerweise auch ein Bett dazu sollte jedes Kind haben. Ich werde weiter berichten, das Projekt läuft ab sofort.

Danach besuchten wir das kleinste, nur 9 Monate alte Waisenkind aus Timor-Timur, denn Mujahida hatte gerade Fieber und war in Begleitung von drei Mädchen aus dem Waisenhaus im Krankenhaus. Glücklicherweise hatte ich noch zwei Püppchen von meiner Tochter Tahani als Besserungsgeschenk. Unglaublich sozial, wie sich immer gleich ein Trupp Kinder um ein krankes kümmert, und die älteren Mädchen sind wirklich wie Mütter zu den Kleinen. Es ging uns auch darum, diese lieben Begleiterinnen zu treffen und sie nicht vom Erlebnis des Besuchs aus Deutschland abzuschneiden, und natürlich bekamen auch sie etwas Süßes.

Die kleine Mujahida wurde von ihrer Mutter, deren Ehe gescheitert war, im Waisenhaus geboren und dann irgendwann, nach einem kurzen Besuch bei Verwandten, einfach nicht mehr abgeholt. Ein Anruf und das war´s. Ein Werten dieses Verhaltens ist unangemessen, aber immerhin hat Mujahida nun eine Menge Geschwister, und weitere Hilfen auf ihrem Lebensweg, wird sie von uns, so Allah will, in jedem Fall bekommen.

Auf anschließenden, allein unternommenen Erkundungen auf Sulawesi konnte ich zum ersten Mal nachdenken und reflektieren, wodurch sich der Waisenhaus-Virus wunderbar ausbreiten und meine ambitionierten Pläne weiter füttern konnte. Ich weiß, dass noch vieles mehr möglich ist. In dem Ort Bira am Meer konnte ich eine Abmachung treffen, dass 20 Kinder gegen nur geringe Kosten für eine Übernachtung mit Bootsausflug und Essen am Strand dorthin kommen können, was sich für die Kinder aus Makassar organisieren ließe. Dies könnte ein absolut unvergessliches Erlebnis für die Lieben werden.

Wiedersehen mit den Kindern in Makassar

Mein letzter Besuch der Kinder auf dieser Reise war vielleicht der emotionalste. Ich arbeitete den ganzen Morgen mit unserem Projektmanager an mehreren Dutzend konkreten Aktionspunkten. 2012 könnte für Wüstenkind, so Allah will, ein „Rekordjahr“ zur Freude der Kinder werden. Wir besuchten alle drei Waisenhäuser in Makassar und fingen in Timor-Timur an. Beim ersten Besuch wird man freudig, schüchtern und neugierig empfangen, beim zweiten Mal tobt das Haus. Eine deutsche Familie, die ich auf der Reise kennenlernte, hatte mir eine Tüte voller Faschingsbonbons für die Waisenkinder mitgegeben sowie aufblasbare Bälle und eine große Packung Buntstifte. Die Freude über diese aus deutscher Sicht kleinen Dinge für wenige Euro war sehr groß, und die Stifte entwickelten eine unglaubliche Eigendynamik. Ich zerfledderte ein Notizbuch, die Kinder bekamen Stifte, und der ganze Raum war im Malrausch.

3 Euro, die so viel ausmachen können, und ich war nie zuvor auf die Idee gekommen. Die Kinder gaben mir einige ihrer Kunstwerke mit. Klar, dass wir sofort für alle Waisenhäuser Stifte besorgen werden. Als die Kinder dann noch in einer kleinen Gruppe spontan ein Lied sangen, das sie auf geliehenen Tamburins (arabisch Duff) begleiteten, als ich schon aufbrechen wollte, musste ich doch inne halten. Und plötzlich setzten über 50 Kinder ein, dieses wunderschöne Lied zu singen. Meine Reizschwelle ist hoch, doch das ging unter die Haut. Mit belegter Stimme konnte ich mich gerade noch für ein so wunderbares Erlebnis bedanken und ihnen sagen, dass ich hoffe, sie wiederzusehen.

Wir haben eine Videoaufnahme, wenn auch in einfacher Qualität, aber dies sollte unbedingt noch professionell aufgenommen werden.
Nach einer kurzen Pause besuchten wir die über 80 Kinder in Bustanul. Mit Freude wurden wir auf dem Hof begrüßt und versammelten uns in der Moschee, wo wir eine dicke Tüte Schokoriegel verteilten. Auch hier war es einfach nur wunderbar. Und wieder sangen zunächst eine Handvoll älterer Kinder ein schönes Lied, als eine Betreuerin Signal gab und plötzlich alle Kinder einsetzten. Das zweite Gefühlsbeben an diesem Tag. Vielleicht kennt ihr das Gefühl, stoppen zu müssen, weil es sonst nicht mehr geht. Zum Beispiel bei einem Tauchgang, 50m unter dem Wasser, wo das Licht, die Stimmung und die Tiere einfach passen, aber der Tauchcomputer sagt, dass nur noch eine Minute verbleibt, sonst wird es knapp mit dem Rückweg, und du verlierst dich vielleicht. Dieses Gefühl hatte ich bei diesen beiden Besuchen. Die Kinder begleiteten uns noch singend die Treppe hinunter.

Wir stoppten wieder, um Schokoriegel zu kaufen, und besuchten unser „Sorgenhaus“ Rezky Illahi, in dem es einfach an noch so vielem fehlt, aber heute wenigstens nicht an Schokolade. Auch hier war es emotional, die Kinder tauten auf, und wir konnten uns nicht verkneifen, ihnen zu sagen, dass wir 5 Ventilatoren besorgen werden, damit die Hitze dort erträglicher wird. Schon dies sorgte für große Freude und wird, so Allah will, nur der Anfang unserer Sanierung sein.
Zur Abrundung des tollen Tages wurde ich von Nasruddins Familie zum liebevollen Abendessen bei ihm zu Hause eingeladen, hatte ich doch alles Geld für Schokolade ausgegeben. Nach dem köstlichen Essen sprachen wir über die Anstellung einer weiteren Sozialbetreuung für die Waisenhäuser in Makassar.
Ich fragte mich, warum ich so lange in meinen Kalender sehen musste, um mir diesen zusätzlichen Tag herauszuquetschen. Jetzt am Abend vor dem nächsten Flug und in der kurzen Nacht erschien mir undenkbar, wie ich die Zeit hätte schöner und dankbarer nutzen können. Manchmal braucht es eben länger, aber die Kinder zeigen einem schnell den Weg.

Abschied und Pläne

Während des Abschieds von Nasruddin vor meiner Weiterreise am nächsten Tag (ich wollte noch ein paar Tage privat auf Sulawesi verbringen) sprachen wir als weiteres Vorhaben über Workshops für die Leitungen der Waisenhäuser und nach Erfolg, so Allah will, auch überregional. Wir hoffen auf gegenseitiges Bereichern und möchten als Gastredner und neue Kontakte die Leiter der „erfolgreichsten“ Waisenhäuser in Makassar gewinnen, was in Sachen Wissen und Nachhaltigkeit ein sehr großer Schritt wäre.

Gott sei Dank verlief der gesamte Aufenthalt nicht nur problemfrei, sondern deutlich besser und berührender als erwartet; und neben der Hauptmission, das Projekt Wüstenkind weiter voranzutreiben, gab es noch viele weitere dankbare Momente. Was ist wohl der göttliche Plan, dass er uns hier in Deutschland in die dankbare Lage versetzt, helfen zu können.

As-salamu alaikum und bis bald,

Hatem & euer Team von Wüstenkind e.V.

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