Reisebericht Tamim, Sulawesi, April 2013 — Teil 1

13.04. – Samstag – Enrekang – Ridha         

Mit dem heutigen Tag beginnen unsere Besuche bei den Waisenkindern in Sulawesi.

Nach einer ruhigen Nacht im Hotel holt uns unser Projektmanager Nassrudin pünktlich um 9h morgens ab, um mit uns von Makassar nach Enrekang zu fahren.
Die Fahrt ist abenteuerlich und gleichzeitig landschaftlich sehr schön. Abenteuerlich, da wir von allen möglichen Verkehrsteilnehmern umgeben sind, von der Rikscha bis hin zur Großfamilie, die komplett auf einem Moped Platz findet. Die Landschaft bietet hohe dichtbewachsene Gebirge auf der einen Seite und das Meer auf der anderen Seite, immer wieder passieren wir auch sehr idyllische Fischerorte. Die vielen Moscheen fallen ins Auge, sowohl fertiggestellte als auch immer wieder Neubauten. Wie schon erwartet, scheinen die Menschen sehr entspannt und lächeln viel, eine Eigenschaft, die sehr schnell positiv ansteckend wirkt. Unsere Stimmung und Spannung steigt mit jedem Kilometer, dem wir uns Enrekang und damit dem ersten Waisenhaus nähern – die Strapazen der Reise sind schon längst vergessen.

Immer wieder sehen wir kleine Inseln von Obstständen am Straßenrand mit verschiedensten bekannten und unbekannten Früchten. Wir halten an einem der Stände und kaufen einen Kofferraum voll Obst für die Waisenkinder als Mitbringsel.

Obststand bei Enrekang

Am späten Nachmittag kommen wir schließlich in Enrekang an und können es kaum noch abwarten, die Kinder endlich zu besuchen. Allerdings müssen wir zunächst noch ein paar Minuten länger in der Lobby ausharren, weil ein starker Platzregen eingesetzt hat. Hatem ruft uns derweil in Erinnerung, dass Ridha in Enrekang tatsächlich das erste Waisenhaus war, mit dem Wüstenkind die Projekte gestartet hat, und gibt uns einen Überblick über das bisher in diesem Waisenhaus erreichte. Hierzu gehören bspw. Isolierungen der Zimmerdecken, neue Schränke und Betten und so vieles mehr. Der Regen hat sich inzwischen beruhigt, und wir begeben uns in Richtung Waisenhaus und Moschee, welche direkt nebeneinander liegen. Schon auf halber Strecke werden wir von den ersten Kindern entdeckt, und die Neuigkeit macht schnell die Runde. So sind bereits freudige Aufregung und großes Getuschel zu verzeichnen, und innerhalb weniger Augenblicke sind alle Kinder im Hauptraum des Waisenhauses versammelt, um uns zu empfangen. Den Kindern ist die Freude über den Besuch ins Gesicht geschrieben, und doch ist es bemerkenswert, wie diszipliniert die Kinder sich zusammengefunden haben und geduldig warten. Nasruddin beginnt mit einleitenden Begrüßungsworten, und ich bekomme zum ersten Mal persönlich mit, wie geschickt unser Projektmanager im Umgang mit den Kindern ist – ob  klein oder groß, er kann sehr gut mit jedem auf seine Art.

Begrüßungsworte im Ridha Waisenhaus

Wir alle erhalten ein warmes und herzliches ‚Salam alaikum‘ von den Kindern, und anschließend bekomme ich die erste Führung durch ein Waisenhaus. Hatem erläutert und zeigt mir jeweils, was von Wüstenkind angeschafft wurde. Auffallend für mich ist, dass fast alles, was einigermaßen gut und brauchbar aussieht, tatsächlich aus Wüstenkind-Spenden stammt – hierzu zählen speziell die Matratzen, Betten und Schränke. Angefangen im Hauptraum wurde hier eine größere Trennwand entfernt und damit ein großer Aufenthalts-/Klassenraum geschaffen mit neuen Schränken zur Aufbewahrung und als Bibliothek. Als nächstes gehen wir zu den Zimmern der Mädchen und Jungen. Ich werde von Hatem daran erinnert, dass die Kinder alle auf dem Boden schlafen mussten, bevor die Betten gekauft wurden. Es fällt auf, dass die wenigen Dinge, welche die Kinder besitzen, sehr ordentlich und aufgeräumt verwahrt werden. Am Ende unserer Tour kommen wir im Speiseraum an, wo wir überrascht entdecken, dass wohl bereits Essenszeit ist, da alle Kinder vor ihren Essenstellern sitzen und auf die Gäste warten. Eines der Mädchen spricht noch ein Gebet, und wir essen alle gemeinsam auf dem Boden. Es gibt Reis, Tofu und ein wenig Gemüse. Die Kinder essen äußert diszipliniert, und alle Teller sind am Ende vollständig leer. Zum Abschluss gibt es noch ein sehr schönes Dankesgebet – ein sehr simples Essen, jedoch in sehr schöner Atmosphäre.

Abendessen im Ridha Waisenhaus

Damit es nicht zu spät wird, begeben wir uns abschließend nur noch kurz in den Raum der Jungen. Hierfür muss man aus dem Hauptgebäude hinaus und über eine schmale Außentreppe ohne Treppengeländer nach oben. Die Jungen warten schon alle sehr gespannt. Die Atmosphäre ist gleich herzlich, und wir machen Scherze über ein anstehendes Tischtennismatch zwischen dem besten Spieler und mir am nächsten Tag: Hatem war aufgefallen, dass das Netz der Tischtennisplatte fehlt (die übrigens aus Wüstenkind-Mitteln angeschafft wurde) und hatte gleich die Idee zu einem Turnier mit einem neuen Netz als Hauptpreis. Im Zimmer der Jungen ist es durch Außengeräusche sehr laut, auch gibt es keine wirklichen Fenster, sondern eher viel offene Flächen in den Seitenwänden. Da auch das Dach nicht isoliert ist, trommelt der Regen sehr laut auf das Wellblech, hier und da tropft es auch durch. Ehrlich gesagt habe ich mehr das Gefühl, mich außerhalb eines Gebäudes zu befinden als innerhalb. Wir fragen die Jungen daher gleich, wo der Schuh zur Zeit am meisten drückt, und sie äußern den Wunsch nach einem isolierten Dach und nach einem Teppich für den nackten Fußboden. Bemerkenswert ist und bleibt, dass man stets nachhaken muss, um solche Informationen zu erhalten – von selbst tragen sie keine Bitten an uns heran. Nachdem wir entsprechend mit Nasruddins Übersetzungshilfe ein weiteres Mal nachhaken, wird der Wunsch nach einem Ventilator und einem Fußball geäußert. Einer der Jungen ruft im Spaß „Klimaanlage“ in den Raum und alle lachen –  wohl vergleichbar mit dem in Deutschland so verbreiteten Traum nach einem Sportwagen. Jeder der Jungen hat seinen eigenen kleinen Spind, gleichsam sein Stück Privatsphäre. In Anbetracht der vielen Jungen unterschiedlichen Alters wird uns bewusst, wie gut der Zusammenhalt in der Gruppe sein muss, damit alles so harmonisch funktioniert. Jeder, der aus der Reihe tanzt, würde wohl automatisch viel Unruhe hineinbringen. Ich schaue in die Runde und reflektiere, dass der Schuppen ihnen ein Heim, sie selbst sich ihre Familie sind. Ich denke an die kleinsten und damit auch automatisch an meinen zweijährigen Sohn und wie sehr er zum Einschlafen noch manchmal Mama und Papa braucht.

Wir unterhalten uns mit den drei im Waisenhaus lebenden Studentinnen – zwei sind ihr halbes Leben hier aufgewachsen. Wüstenkind bezahlt inzwischen ihre Studiengebühren, was ihnen das Studium überhaupt erst ermöglicht, und die Studentinnen helfen dafür tüchtig in verschiedenen Projekten des Waisenhauses mit. So leitet Wahida beispielsweise den kleinen Laden, welcher zum Waisenhaus gehört und unmittelbar an der Hauptstraße liegt. Weitere Projekte sind die Kantine, wo günstiges Mittagessen für Schulkinder angeboten wird, Nähmaschinenkurse und die erfolgreich angelaufene Herstellung von Süßigkeiten und Snacks aus Koro, einer Soja-Art. Insgesamt gibt es von den Studentinnen sehr positives Feedback, alle sind erfolgreich im Studium, und wenn alles gut läuft, haben wir zum Jahresende die erste Wüstenkind-Uni-Absolventin – inschaAllah.

Die drei Stipendiatinnen im Ridha Waisenhaus

Im Anschluss besuchen wir noch den Shop, der einen sehr sauberen und schönen Eindruck macht. Er gehört zum Waisenhaus und dient als kleine Einnahmequelle. Dort werden z.B. auch Basteleien aus anderen Waisenhäusern verkauft, ebenso die selbst produzierten Soja-Erzeugnisse. Es erfreut das Herz, diese erfolgreichen Projekte zu sehen, weil es langfristig ein Stück Selbstversorgung und Eigenständigkeit bedeutet – von den Erfolgserlebnissen und Lerneffekten für die Waisenkinder ganz zu schweigen.

Der Shop des Ridah Waisenhauses

Für die Zukunft bleibt es spannend zu beobachten, welchen Werdegang die Studentinnen einschlagen werden. Fest steht aber heute schon, dass sie die Waisenhaus-Familie und damit auch Wüstenkind ein Leben lang nicht vergessen werden.

Zum Ende des Tages stelle ich für mich fest, dass sich die Reise bereits gelohnt hat – selbst wenn morgen schon wieder Abreisetag wäre.

Hier geht’s zum zweiten Teil des Reiseberichtes …

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