Wüstenkind Rundbrief August 2014 — Neues aus Somalia

Salamu alaikum und hallo liebe Waisenfreunde,

heute möchten wir euch ausführlich von unseren Wüstenkindern in Somalia berichten. Die Lage im Land ist leider immer noch sehr schwierig, und auch der regelmäßige Kontakt zu den Kindern und Helfern vor Ort ist nicht einfach. Jede Fahrt nach Baydhabo, wo unser Waisenhaus liegt, ist ein Sicherheitsrisiko, die Autofahrten in umliegende Städte sind gefährlich – vielleicht erinnert ihr euch noch, dass unser Projektmanager bei seiner vorletzten Reise 17 bewaffnete Checkpoints passieren musste, bis er die Strecke zurückgelegt hatte. Als gebürtiger Somali ist er zum Glück weniger gefährdet als ausländische Besucher, und so verbrachte er diesen Sommer nochmals einige Zeit im Waisenhaus. Die Versorgung der Kinder bleibt aber eine große Herausforderung, denn Produkte des täglichen Lebens sind oft nicht verfügbar und die nötige Infrastruktur fehlt fast vollständig.

Wie wir in Somalia helfen

Was wir in Baydhabo trotz der schlechten Voraussetzungen bisher bewirken konnten ist dennoch immens. Anstatt in einer Bauruine leben zu müssen, haben die Kinder ein richtiges Zuhause bekommen, das ihnen in diesem unsicheren Land so viel Stabilität wie möglich gibt. Wir konnten die älteren Teile des Hauses umfassend renovieren, Gefahrenstellen beseitigen und den Rohbau nicht nur fertigstellen sondern inzwischen noch weiter ausbauen. Im selben Zuge weiten wir beständig unsere Bildungsprogramme aus, die den Kindern eine berufliche Zukunft ermöglichen sollen. Dies soll künftig der Hauptschwerpunkt in Baydhabo sein, wenn die Bautätigkeiten einmal abgeschlossen sind — ein kurzer Rückblick in Bildern:


Ein sicheres Zuhause für 70 Kinder

Die Renovierungen und der Ausbau bleiben zunächst jedoch die größte Herausforderung. Beispielsweise mussten wir stabile Türen im Stück aus Dubai liefern lassen, da solche in Somalia nicht aufzutreiben waren. Eine besondere Verbesserung sind auch die neuen Toiletten, welche zuvor in katastrophalem Zustand waren: Für alle stand lediglich ein Loch im Boden zur Verfügung, und im zentralen Wasserbecken faulte das Wasser in der Sonne vor sich hin. Jetzt gibt es richtige Keramik-Toiletten und hygienische Waschplätze. Alles wurde gefliest, wobei unser Projektmanager das Team mit deutschem Handwerkswissen unterstützen konnte. Die Bäder verdienen nun ihren Namen, und das Wasser fließt, statt vornehmlich als Brutstätte für Keime und Larven zu dienen. Diese deutliche Verbesserung der Lebensumstände der Kinder konnten wir mit nur etwa 1.500 Euro und etwas Geschick erreichen. Und als die Nachbarn die gefliesten Bäder sahen, meinten sie wörtlich: „Gepriesen sei Allah, jetzt sind wir in Saudi-Arabien“; die Bäder scheinen ein Sinnbild für den größten vorstellbaren Reichtum.

Uns freut es, dass die Behausung der Kinder auch Bewunderung erntet, denn diesen „Stolz“ haben sie verdient – bei allen Renovierungen gehen die Kinder tatkräftig zur Hand und helfen, wo sie nur können. Für sie ist es ein besonderes Gefühl, selbst an der Verbesserung ihrer Lebensumstände beteiligt zu sein, gleichzeitig lernen sie grundlegende handwerkliche Tätigkeiten.

Insgesamt konnten wir den Standard des Waisenhauses in etwa auf ‚somalischen Mittelstand’ heben, das heißt, dass unsere somalischen Wüstenkinder jetzt eine angenehme Behausung haben. Bisher lebten im Haus, das als Rohbau bereits vor unserem Engagement existierte, ausschließlich Jungen im Alter zwischen fünf und 22 Jahren. Inzwischen ist ihre Zahl auf 70 gestiegen, weitere 40 Jungen kommen als Tagesgäste und werden mit Schulunterricht und Essen mitversorgt. Wir planen, in Zukunft auch somalische Mädchen aufzunehmen – benötigen hierfür allerdings eine neue Einrichtung bzw. zusätzliche Räumlichkeiten. Ein schönes Ziel, und so bleiben wir dran!

Bildung für eine bessere Zukunft

15 Kindern konnten wir bisher den Besuch einer kostenpflichtigen Schule ermöglichen. Diese so wesentliche Hilfe ist für nur etwa 8 Euro im Monat pro Schüler möglich, inklusive kleinem Taschengeld für Verpflegung und Schulmaterial. Manche dieser Kinder können damit erst jetzt, in ihrem 16. Lebensjahr, zum ersten Mal eine richtige Schule besuchen. Und all unsere neuen Schüler lernen voller Freude, sind hochmotiviert und haben sich fest vorgenommen, „die Besten zu werden“. Wir prüfen gerade, ob wir noch mehr Kinder zu dieser Schule schicken können, denn dasselbe wünschen sich auch die anderen Kinder sehnlichst. Damit sie bis dahin nicht zu kurz kommen, unterrichten Helfer von uns die Kleinen direkt im Haus. Sie erhalten Unterricht in Mathematik, Englisch, Arabisch, und zweimal pro Woche auch den hier üblichen islamischen Religionsunterricht. Insgesamt freuen wir uns sehr mit den somalischen Kindern, die jetzt in einer, wenn auch noch nicht perfekten, so doch ansprechenden und heimischen Umgebung leben, grundlegend versorgt sind und teilweise bereits zur Schule gehen oder zumindest am hausinternen Unterricht teilnehmen.

So soll es weitergehen

In unserem somalischen Waisenhaus ist zwar schon viel geschafft, aber es bleibt noch mehr zu tun. Zum Beispiel ist die Stromversorgung ein immerwährendes Problem, das wir mit einer eigenen Solaranlage beheben wollen, so Allah will. Dann wäre das Haus endlich unabhängig vom privaten, sehr teuren und unzuverlässigen Versorger. Dieses Projekt wollen wir im kommenden Jahr angehen. Auch wollen wir den älteren Kindern Kurse zur Berufsbildung anbieten, um ihre Chancen auf ein Einkommen als Erwachsene zu verbessern. Vor allem ist aber wichtig, dass wir die grundlegende Versorgung des Waisenhauses aufrecht erhalten können, denn Wüstenkind ist die einzige Organisation, die sich um diese Kinder kümmert. Wir hoffen dabei sehr auf eure Unterstützung. Mit jedem Beitrag von euch können wir den Kindern mehr helfen.

Ein anvertrautes Gut und große Verantwortung

Als mir Muhammad, unser Projektmanager, berichtete wie er sich am Ende seiner Reise von den Kindern und Helfern verabschiedete, rührte mich das sehr, und vertiefte die Gefühle der Freude und Verantwortung. Denn der nun 75-jährige Gründer und Waisenhausleiter, der für dieses Lebensprojekt alles andere aufgab, hielt zum Abschied seine Hand lange fest und sagte: „Ihr seid die letzten Gebliebenen, und die Kinder sind eure Amana (anvertrautes Gut), wenn es mich nicht mehr gibt.“ Er meinte außerdem, dass schon die gesicherte Ernährung der Kinder ausreichen würde, um die Waisen aus dem kriegerischen Konflikt heraushalten zu können, da es oft allein der Hunger ist, vor dem sich die Menschen zu militanten Gruppen flüchten. Muhammad meinte, ihm hätten in diesem Moment die Worte gefehlt, um zu antworten. Beim nächsten Besuch kann er vielleicht antworten, dass es uns eine Ehre und Verpflichtung sein wird, alles Menschenmögliche zu tun, um diesem Wunsch gerecht zu werden. Ich hoffe, diese Antwort trifft die Haltung aller Unterstützer.

Sehr dankbar, mit euch diese wichtige Aufgabe wahrnehmen zu können, verabschiedet sich das Team von Wüstenkind mit vielen lieben Salam und Grüßen.

As-salamu alaikum und bis bald,

Hatem (Imran) & euer Team von Wüstenkind e.V.

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